Wenn Sie mit Linux noch nicht allzu vertraut sind - und für
die meisten Benutzer von Computern ist der Umgang mit Linux eine
ganz neue Erfahrung - sind Sie am Anfang beim Arbeiten mit Ihrem
neuen Betriebssystem vermutlich noch etwas unsicher.
Lehnen Sie sich erst einmal in aller Ruhe zurück. Wenn Sie
bereits mit anderen Betriebssystemen Erfahrungen gesammelt haben,
werden Sie auch mit Linux schnell zurechtkommen. In gewisser
Hinsicht ähnelt das Arbeiten mit Linux dem Autofahren in
einem anderen Land: Die grundlegenden Regeln stimmen in allen
Ländern überein, doch im Detail gibt es zahlreiche
Unterschiede.
In diesem Kapitel werden wir Ihnen nun einige der
"Verkehrsregeln" vorstellen, die Sie beim Umgang mit
Linux beachten sollten.
Eine Komponente Ihres neuen Betriebssystems spielt dabei eine ganz
besondere Rolle: die Shell. Die Shell
hatten wir ja schon mehrfach erwähnt - beispielsweise im
Zusammenhang mit dem Shell Prompt oder bash.
Doch jetzt ist es an der Zeit, daß Sie sich mit diesem
unverzichtbaren Tool etwas eingehender auseinandersetzen.
Zunächst jedoch ein paar Anmerkungen zur
Entwicklungsgeschichte der Shell…
In der guten alten Zeit (hiermit sind die sechziger Jahre
gemeint), als Dennis Ritchie und Ken Thompson bei AT&T an
der Entwicklung von UNIXTM arbeiteten,
wollten sie für die Bedienung ihres neuen Systems auch eine
geeignete Benutzerschnittstelle zur Verfügung stellen.
Die damaligen Betriebssysteme wurden mit
Befehlsinterpretern ausgeliefert, deren
Aufgabe darin bestand, die von den Benutzern eingegebenen
Befehle in eine dem Computer verständliche Form
umzuwandeln.
Doch Ritchie und Thompson gaben sich damit nicht zufrieden und
waren auf der Suche nach einer verbesserten
Benutzerschnittstelle, deren Funktionen über die der
damaligen Befehlsinterpreter hinausgingen.
Und hier kommt die Bourne Shell ins Spiel
(auch unter der Abkürzung sh
bekannt), die von S.R. Bourne entwickelt wurde und die
Möglichkeiten bot, die von den Entwicklern von UNIX
gefordert wurden.
Seit der Entstehung der Bourne Shell wurden noch weitere Shells
entwickelt, so beispielsweise die C-Shell
(csh) und die
Korn-Shell (ksh).
Als die Free Software Foundation auf der Suche nach einer frei
verfügbaren Shell war, begannen Entwickler mit der Arbeit
an einer neuen Shell, die auf den Möglichkeiten der Bourne
Shell aufbaute, zugleich aber Funktionen weiterer Shells bot,
die zum damaligen Zeitpunkt verfügbar waren.
Das Ergebnis war schließlich die Bourne Again
Shell - oder bash.
Das Wort bash haben Sie ja bei Ihrer Arbeit mit
Linux sicher schon gelesen, wenn Sie beispielsweise einen Befehl
am Shell Prompt falsch eingegeben haben (und die Meldung
bash: einbefehl: command not found ausgegeben
wurde).
Auch in Kapitel 13, als wir uns mit der
Umleitung und Weiterleitung von Daten mit Pipes beschäftigt
haben, wurde die bash-Shell mit ihren
zahlreichen Möglichkeiten schon kurz erwähnt.
 | Mehr über die bash |
|---|
| | Wenn Sie mehr über bash
erfahren möchten, müssen Sie lediglich die man-Seite
zu bash lesen. Geben Sie hierzu am
Shell Prompt man bash ein. Alternativ
können Sie die Datei auch als Textdatei speichern, indem
Sie man bash | col -b > bash.txt
eingeben. Diese Textdatei können Sie mit einem Editor wie
pico lesen oder mit einem Pager wie
less auf dem Bildschirm
anzeigen. Sie können die Datei auch mit dem Befehl
man bash | col -b | lpr drucken. Allerdings
ist diese man-Seite nicht gerade klein... Wenn Sie
zusätzliche Informationen benötigen, empfiehlt sich
ein Buch wie Learning the bash Shell
von Cameron Newham und Bill Rosenblatt, das bei O'Reilly &
Associates erschienen ist.
|
Obwohl Ihr System mit mehreren verschiedenen Shells ausgeliefert
wurde, handelt es sich bei bash um
die standardmäßig verwendete Shell von Red Hat Linux.
Sie können sich bash wie eine
Art persönlichen Assistenten vorstellen, der sich
ständig Notizen macht, um Ihre Wünsche sofort in die
Tat umzusetzen. Dieser Assistent verwendet hierfür
bestimmte "Notizzettel", um Ihre Arbeitsumgebung nach
Ihren Vorstellungen einzurichten.
Diese von bash angelegten Notizzettel
werden von Fachleuten als
Umgebungsvariablen bezeichnet.
Im Zusammenhang mit Ihrer Shell wird der Begriff
"Umgebung" in ähnlicher Weise wie im Alltagsleben
verwendet. In diesem haben Sie alle benötigten
Gegenstände wie Papier, Stifte und sonstige
Büromaterialien nach bestimmten Kriterien angeordnet. Sie
wissen, wo Sie sich Ihre Aktenordner befinden und wie Sie mit
ihnen umgehen müssen.
Das gleiche gilt auch für die
bash und deren Umgebung. Die
bash Shell beruht genauso wie Ihr
Arbeitszimmer auf gewissen Ordnungsprinzipien. Beispielsweise
existieren für die Aufbewahrung der Akten in Ihrem
Büro in der gleichen Weise Konventionen wie für das
Bereitstellen bestimmter Befehle durch
bash.
Und dies ist der Gedanke, der auch Umgebungsvariablen zugrundeliegt.
Solange Ihr Assistent über die richtigen
"Notizzettel" verfügt, kann er Ihre Eingaben
rasch umsetzen.
Schauen wir uns nun die Umgebungsvariablen etwas näher an.
Geben Sie am Shell Prompt folgenden Befehl ein:
Ihre bash Shell verwendet ganz
schön viele Notizen, nicht wahr?
Jeder einzelne Eintrag dient der bash
Shell für das individuelle Einrichten Ihrer Umgebung.
Zu den wichtigsten Umgebungsvariablen zählt die Variable
PATH, in der festgelegt wird, wie der
Standardpfad lautet.
Die Umgebungsvariable PATH für Ihr
Benutzerkonto neuerbenutzer sieht vermutlich
ähnlich aus wie folgende Zeile:
PATH=/usr/local/bin:/usr/X11R6/bin:/usr/bin:/bin:/usr/X11R6/bin:/home/neuerbenutzer/bin
|
Dies mag etwas unübersichtlich wirken, doch der Befehl
PATH ist beim Suchen nach Programmen eine
große Hilfe für Ihre Shell.
 | Standardeinstellungen für die Variable PATH |
|---|
| | Erinnern Sie sich noch an den Hinweis auf FHS (Filesystem
Hierarchy Standard) in Abschnitt namens Das Dateisystem genauer betrachtet in Kapitel 13? Die Angaben unter
PATH werden gemäß diesem Standard
eingerichtet, und auch die verschiedenen Programme werden in
Übereinstimmung mit FHS in bestimmten Verzeichnissen
installiert. Dies hat zur Folge, daß
bash mit Hilfe der Angaben unter
PATH praktisch jedes Programm automatisch
findet (zumindest dann, wenn bei der Installation FHS
berücksichtigt wurde).
|